Ankommen. Aber wie?

Es war keine Liebe auf den 1. Blick zwischen uns Beiden. Zu groß war mein Trennungsschmerz: Ich trauerte um meine Stadt am Meer, um meine Uni-Zeit, um das Kopfsteinpflaster in der Altstadt, um die Gespräche am Hafen, um die durchtanzten Nächte und die gemeinsamen Sonntage in der WG. Schon auf der Autobahn nach Leipzig vermisste ich das alles wie verrückt. Weil ich wusste, dass diese Zeit niemals zurück kommen würde. Niemals würde ich mein Herz jemals wieder so an eine Stadt verschenken können. Davon war ich überzeugt. Wie auch? Rostock war Freiheit, mein ganz persönlicher Spielplatz. In der fremden Stadt sollte ich stattdessen Arbeit finden und was aus mir machen. Auch wenn ich mit meinem Bachelor Abschluss nur eine vage Idee davon hatte, wie das aussehen sollte. 

Alles war auf einmal anders. Pärchenwohnung statt WG, 40 Stunden Woche statt eine Vorlesung am Tag, keine Freunde mehr, die mit mir in die Mensa oder ins Kino gehen wollten. Alles stand auf Null, während für meine Freunde das alte Leben weiterging. Ich war 24 Jahre alt und fühlte mich alt wie noch nie. Ich war oft müde und am zweifeln in dieser Zeit. War der Umzug nach Leipzig wirklich notwendig? (Kopf sagte ja, Herz sagte nein.) Schlug ich den richtigen Weg ein? Lag meine Zukunft wirklich beim Fernsehen? Und vor allem: Wollte ich das alles überhaupt schon? 

ÜBER DAS SUCHEN UND ANKOMMEN IN EINER NEUEN STADT.

Ich wusste es nicht. Aber jetzt war ich da. Also stellte ich mir in den nächsten Monaten Montag bis Freitag einen Wecker, ging zur Arbeit, kam nach Hause, sprach mit meinem Freund über den Tag, ging schlafen. Am Wochenende bekam ich entweder Besuch oder fuhr irgendwo hin. Langsam wurden die Veränderungen Alltag, aber ich war zu beschäftigt, das zu merken. Dann kam der 1. Sommer in Leipzig. Und plötzlich tat es nicht mehr ganz so weh, Fotos von Freunden am Meer zu bekommen. Denn ich hatte das Umland für mich entdeckt, radelte mit meinem Freund zum See oder traf Freunde im Park oder Freisitz. Ich war noch lange nicht bereit für eine neue Beziehung, aber immerhin konnte ich langsam die Schönheit meines neuen Wohnortes entdecken.

Dieser Sommer ist jetzt über drei Jahre her. Inzwischen kenne ich Straßennahmen und Abkürzungen, die beste Eisdiele und den schönsten Platz am Wasser. Ich weiß, wen ich anrufen kann, wenn ich in Not oder in Plauderlaune bin. Freunde, die mittlerweile in ganz Deutschland verteilt sind. Freunde, die ich in Leipzig gefunden habe. Ich mag es, in der Abendsonne am Markt zu sitzen, früh morgens zum See zu radeln, die magischen Worte Feierabend, aber auch die Gespräche in der Mittagspause. Inzwischen passen wir ganz gut zusammen, Leipzig und ich.
Jeder Umzug in eine andere Stadt schafft Veränderungen, die alles auf den Kopf stellen. Man verliert seinen gewohnten Lebensraum, lässt Menschen und Erinnerungen an einen Ort zurück. Damit muss man erstmal klar kommen. Zugleich ist man gezwungen, neu seinen Platz zu finden. In der Stadt, im Leben. Das kann dauern. Denn wie in der Liebe wird man nach jeder Trennung auch etwas vorsichtiger, anspruchsvoller. So schnell verschenkt man nicht mehr sein Herz. 

Auch an Leipzig ist nicht alles schön und bunt. Aber das ist das Leben auch nicht. Noch immer vermisse ich das Meer. Trotzdem bin ich hier glücklich. Weil ich inzwischen weiß, dass alles seine Zeit hat. Dass anders nicht automatisch schlechter ist. Und dass viele Wege zum Glück führen können. Manchmal eben auch über eine Autobahn.

20 Comments

  1. Anke Roeder-Eckert

    sehr einfühlsam geschrieben… gefällt mir gut. Und schön, dass du Leipzig lieben gelernt hast. Ich habe dort studiert, viel hat sich seitdem verändert, aber ich hab immer noch ein warmes Gefühl, wenn ich dort bin oder nur an die Stadt denke

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Anke, vielen Dank für deine lieben Worte. Darüber freue ich mich sehr! 🙂 Wie schön, solche Gefühle habe ich für meine alte Unistadt auch noch. Dann hoffe ich, dass du bald mal wieder in Leipzig vorbeischaust. 🙂 Wobei Erfurt auch wirklich toll ist!

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  2. Lilly Céline

    Der Beitrag ist echt schön geschrieben!
    Ich bin selbst vor einem Jahr von dort, wo ich groß geworden bin in eine 300km entfernte Stadt gezogen. Ich wünschte, ich hätte deinen Beitrag früher entdeckt. Du hast das Ankommen und besonders das Loslassen der Vergangenheit echt gut und gefühlvoll beschrieben!

    Liebe Grüße
    Lillyceline.wordpress.com

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Lilly Céline, vielen, vielen Dank für deine lieben Zeilen. Gerade weil es so ein persönlicher Text geworden ist, war ich beim publishing doch sehr nervös – umso mehr freut es mich, wenn dich der Text erreicht hat. Dann hat sich der Mut ja schon gelohnt. 🙂
      Wie geht es Dir denn 1 Jahr nach deinem Umzug so? Bist du schon angekommen oder noch auf der Suche?
      Ganz liebe Grüße 🙂

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      1. Lilly Céline

        Hey Johanna,
        der Mut hat sich auf jeden Fall gelohnt! Ich bin jedenfalls ein Fan von deinem ehrlichen und offenen Schreibstyl.
        Ich persönlich habe ein paar neue Anläufe gebraucht und bin noch 2 mal umgezogen seitdem. Mir hat es allerdings auch geholfen, mich mit dem Thema vermissen und allein sein auseinander zu setzten. Nun fühle ich mich wirklich seeehr wohl!
        Viele Grüße Lilly ☺️

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      1. Christiana

        An so einige Orte hatte es mich verschlagen – von Ostengland über Greifswald bis nach Berlin bzw. das Berliner Umland. Ich tue mich gerade noch etwas schwer mit dem Wiederankommen hier (der Umzug war eher aus der Not heraus) und fand es daher irgendwie „tröstlich“, deinen Beitrag zu lesen und mich darin so wiederzufinden (ich bin schon oft genug auf Menschen getroffen, die Umzüge ganz toll fanden und das gar nicht nachvollziehen konnten, dass man so lange brauchen kann, um sich einzuleben 😉
        Ganz liebe Grüße,
        Christiana

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      2. johannaschreibtwas

        Ohja, das stimmt. Manchmal kommt man sich fast schon blöd vor, wenn man so an alten Dingen hängt, oder? Das ist irgendwie nicht wirklich mehr zeitgemäß. Ich konnte mich vielleicht umgekehrt deswegen aber auch sehr gut in deinem letzten Post wiederfinden: Die Zeit zwischen zwei Umzügen und somit ja auch in gewisserweise zwischen zwei Leben ist die Härteste. Aber manches braucht einfach auch etwas mehr Zeit, als wir uns manchmal nehmen wollen. Ich drücke dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass sich deine Zerrissenheit bald etwas legt…
        Und deine Lebensroute finde ich übrigens sehr beeindruckend! Da bist du ja ganz schön rumgekommen…Darüber würde ich auch gerne mehr lesen! Vielleicht in einem Artikel „Orte meines Lebens“?! Stelle ich mir bei deiner Geschichte sehr, sehr spannend vor. 🙂

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      3. Christiana

        Ganz lieben Dank 🙂 ja, das stimmt … ich denke dann auch manchmal, dass ich diesbezüglich nicht „normal“ bin 😉 Vor allem, wenn ich mich da mit meinem Mann vergleiche – der hat damit nicht das geringste Problem und passt sich total schnell an neue Situationen/Umgebungen an. Die Umzüge seit dem letzten Aufenthalt in Leipzig (3 große und 2 kleine dann noch dort in der Umgebung in insgesamt 10 Jahren) fanden übrigens aufgrund seines Jobs statt. Alleine hätte ich das auf keinen Fall gemacht 😉
        Ja, ich gebe dir da recht … irgendwie passt dieses sich langsam Einleben nicht in die jetzige schnelllebige Zeit. Andererseits … wir sind eben so, wie wir sind – vielleicht einfach sensibler als andere. Und dann haben wir auch das Recht, auf unsere Bedürfnisse zu hören und uns so viel Zeit zum Einleben zu nehmen, wie wir eben brauchen. Ich denke dann immer an den Spruch: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht und versuche, geduldiger mit mir zu sein.
        Ohja, das ist eine sehr gute Idee … das werde ich auf jeden Fall mal aufgreifen und ein bisschen mehr darüber schreiben. Zu deinem anderen Kommentar schreibe ich auch noch was 😉

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  3. fredyfox

    Das kann ich alles sehr gut nachempfinden. Du hast es wirklich sehr schön auf den Punkt gebracht.
    Ich musste mich ebenfalls aus beruflichen Gründen von meiner geliebten Heimatstadt Leipzig, Freunden und Bekannten trennen und das schon zum zweiten Mal. Dabei hatte ich mir geschworen, nie wieder weg zu gehen. Es gibt vieles was ich schmerzlich vermisse. Aber nichts ist von Dauer. Das Leben ändert sich ständig und manchmal auch viel schneller als man denken kann…
    Tröstlich, das ich mit diesen Gefühlen nicht allein bin. Am Ende wird irgendwie doch immer alles gut.
    Lieben Gruß.
    Manu

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Manu,
      oh wie habe ich mich gerade darüber gefreut, diese Zeilen von Dir zu lesen. 🙂 Mir geht es da wie Dir: Ich finde es auch immer ungemein tröstlich, wenn man merkt, dass man mit seinen Gefühlen nicht alleine ist. Manchmal mache ich mir Gedanken, ob ich manches nicht übersensibel wahrnehme, aber scheinbar geht es vielen Menschen da draußen ja so. 🙂
      Ach, ich finde das immer wieder so traurig, wenn man aus beruflichen Gründen weiterziehen muss und gleichzeitig immer „junge, motivierte Fachkräfte im Osten“ vermisst werden. So ging es mir damals mit Rostock jedenfalls auch…wie gerne wäre ich geblieben. Aber arbeiten muss man natürlich auch…Darf ich fragen, wohin es dich dann verschlagen hat? Ich hoffe jedenfalls von Herzen, dass Du ein neues Zuhause gefunden hast – auch wenn sich das vielleicht ganz anders als Leipzig anfühlt. Aber ja, du hast absolut recht: Am Ende wird doch immer alles irgendwie gut. Und wer weiß, vielleicht führt dich das Leben ja doch bald wieder zurück. 🙂
      Alles Liebe für Dich!

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      1. fredyfox

        Liebe Johanna, ich bin jetzt mitten im Herzen von Berlin. Das ist alles eine Nummer größer als im doch noch beschaulichen und liebenswürdigen Leipzig. Man muss aufpassen, das man nicht „verschlungen“ wird. Dennoch gibt es auch in Berlin schöne und ruhige Ecken. Man muss sie nur finden.
        Mal schauen, wie sich alles in Zukunft entwickeln wird.
        Ich wünsche dir einen schönen Sommer in Leipzig, draußen auf den Freisitzen oder an den schönen Seen.
        Lieben Gruß.
        Manu

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      2. johannaschreibtwas

        Liebe Manu,
        da hast du dir aber auch eine tolle Stadt zum Leben ausgesucht! Meine Familie wohnt in Potsdam, so dass mir Berlin auch keine Unbekannte ist. 🙂 Ich kann mir aber gut vorstellen, dass man dort ein wenig auf sich Acht geben muss, um nicht, wie du so schön schreibst, verschlungen zu werden. Aber toll, dass du dafür schon die richtigen Ecken gefunden hast! Berlin im Sommer ist auf jeden Fall ja auch etwas ganz Besonderes. 🙂
        Vielen, vielen Dank! Und im Herbst wartet dann der Clara-Park mit bunten Blättern, heiße Kaffees und Tees auf der Karli und vielleicht der Herbstmarkt auf dich in Leipzig. 🙂

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