Plötzlich planlos – Wenn der terminkalender auf einmal leer ist

Normalerweise habe ich immer einen Plan. Ach was, meistens sogar Mehrere. Ich weiß, wann welche Filme ins Kino kommen, die ich gerne sehen möchte, wo in Leipzig gerade interessante Lesungen stattfinden, wie man Samstag und Sonntag mit seiner besten Freundin verbringen kann und wann mein Mann und ich mal ein Wochenende „ganz für uns“ haben. Das war für uns bis vor wenigen Wochen zugegebenermaßen eher die Ausnahme. Da meine Freunde und Familie in ganz Deutschland verstreut leben und es so einiges an Organisation für Wiedersehen bedarf, braucht es eben häufig: Pläne. Oh, und was hatte ich alles Schönes vor für die Monate März und April: Meine Schwester besuchen und mit den Kindern von morgens bis abends toben, Lolle im Kino sehen, die Fotos von Karl Lagerfeld bestaunen, mit Freunden auf der Leipziger Buchmesse von Lesung zu Lesung tingeln, ein Kurzurlaub dazwischen schieben, endlich meiner Freundin aus Düsseldorf noch mehr von Leipzig zeigen, ein VR Escape Room ausprobieren…

Und dann: Nichts von alledem.

Denn Corona machte uns allen einen schönen Strich durch die To-Do Listen. Statt mit meiner Schwester beim besten Zuckerbäcker Tübingens zu sitzen, fand ich mich auf einmal auf unserer Couch wieder. Statt gemeinsam Zeit zu verbringen, erzählten wir uns in Sprachnachrichten, wie sehr wir darauf hoffen, uns bald wiedersehen zu können. Ein neues Datum legten wir aber nicht fest. Wie auch, wenn man zurzeit alle paar Minuten den Corona Liveticker checkt.
Nach der ersten Enttäuschung über das abgesagte Wochenende, verabredete ich mich mit einer Freundin zum Spaziergehen im Park. Anstatt uns wie sonst zu umarmen, grüßten sich lässig unsere Fußspitzen. Unseren Weg kreuzten Passanten mit Atemmasken, Zweiergruppen liefen – wie wir – brav mit Sicherheitsabstand nebeneinander her, die Spielplätze und Sportfelder waren leer. Es war stiller als sonst. Und trotzdem war ich in diesem Moment zum ersten Mal etwas mit dieser merkwürdigen Zeit versöhnt*. Weil es schön war, mit R gemeinsam den mitgebrachten Kaffee zu trinken und die Veränderungen im Stadtleben wahrzunehmen. Es schön war, zum 1. Mal in diesem Jahr das Gesicht so richtig der Sonne entgegenzustrecken, die an dem Tag schien, als wäre die Pandemie bloß ein schlechter Alptraum. Und es war schön, sich gemeinsam dabei zu ertappen, wie schnell wir in alte Muster zurückfielen, Ausnahmezustand hin oder her. „Wenn das erstmal geschafft ist, dann machen wir…“ oder „Also für den Herbst plane ich ja…“. Wir beendeten die Sätze meistens gar nicht. Weil wir in diesem Moment, in diesen Tagen einfach ahnungslos sind. Und dass auch mal sein dürfen.

Wenn uns diese schreckliche Pandemie also Irgendwas (Gutes) zeigen kann, dann ja wohl das: Wir müssen nicht immer wissen, wo wir als Nächstes hinwollen. Wer wir in 3 Jahren sein möchten. Wie wir unsere Zeit bestmöglich nutzen, um neben der Arbeit, auch noch Freundschaften, Beziehungen, Dates, Sport, Wellness, Mediation, Selfcare, Hobbys unter einen Hut zu bringen.
Es geht auch anders: In der Isolation bleibt auf einmal Zeit für längst vergessene Leidenschaften, für die wir normalerweise im Alltagsstress (vielleicht) einfach zu müde sind. Auf einmal schätzen wir die Runde um den Block, das improvisierte Abendessen, die Zeit zu Zweit, den Anruf einer lieben Person ganz anders. Wir merken, wer uns wichtig ist. An wen wir in dieser Zeit besonders denken und mit wem wir mal wieder telefonieren sollten. Was habe ich in den letzten Tagen für schöne Gespräche geführt: Mit meinen Großeltern, die das Ganze mit Ende 80 eher gelassen sehen, mit meiner ganzen Familie in einer munteren Skype Runde, mit meiner besten Freundin zum Nachmittagskaffee. Dabei merke ich: Man muss gar nicht immer was zu Erzählen haben, um sich nahe zu sein. Jetzt, wo Fragen wie „Was machst du am Wochenende?“ wegfallen, ist auf einmal Platz für das Wesentliche. Die Frage „Wie geht’s Dir?“ soll kein Smalltalk-Einstieg mehr sein, sondern ist Ernst gemeint. Wir lernen uns gerade alle neu oder zumindest noch mal von einer ganz anderen Seite kennen. Auch uns selbst. Denn jetzt, wo die Kalenderseiten immer leerer werden, die Freizeitmöglichkeiten indes aber beschränkt bleiben, ist auf einmal so viel Zeit, über Vieles nachzudenken. Mitgefühl und Solidarität zu zeigen. Mal richtig durchzuatmen. Denn ein ganz gewöhnlicher Samstag kann ohne Treffen und Veranstaltungen auf einmal ganz schön lang werden. Aber dann kann man ja immer noch Pläne schmieden für die Zeit „danach“. In dem Wissen: Nicht jeder davon muss sich erfüllen. Manchmal sind leere Kalenderseiten auch gar nicht so schlecht.

*Mir ist natürlich bewusst, dass ich diesen Text aus einer extrem privilegierten Situation heraus schreibe – mit einem sicheren Arbeitsvertrag, keinen Kindern und keinen Kontakten, die infiziert sind und/oder um ihre Existenz und/oder Leben bangen – und daher nicht für alle sprechen kann oder will. Mein Mitgefühl gehört all denen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen. Dieser Text ist vielmehr als Aufmunterung gedacht, um dieser furchtbaren Pandemie zumindest Eine gute Sache abzugewinnen, von der wir vielleicht auch nach der Krise noch profitieren können.

5 Comments

  1. Sunita

    Mir ging es genauso. Bei mir sind jede Menge Pläne ins Wasser gefallen (u.a. die Leipziger Buchmesse), aber diese Zeit war für mich auch wunderschön genau aus den Gründen, die du nennst: endlich Zeit für liebe Menschen und Kreativität und zum durchatmen. Am Freitag erscheint ein Gastbeitrag von mir zu dem Thema, wenn ich dran denke, schicke ich ihn dir 😉 Obwohl ich meine Freunde und Familie nicht sehen konnte, habe ich schon lange nicht mehr so lange und tiefgehende Gespräche mit ihnen geführt ❤

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    1. johannaschreibtwas

      Oha, schick ihn mir sehr, sehr gerne zu! Das würde mich sehr interessieren. 🙂 Freut mich sehr, dass du in dieser verrückten Zeit auch ein paar positive Dinge feststellen konntest. 🙂 Gerade die intensiveren Gespräche mit Freunden und Familie tun mir gerade auch so gut. ❤

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    1. johannaschreibtwas

      Ui, ich habe Deinen Artikel direkt verschlungen! Gefällt mir sehr, sehr gut! Wie kommt es, dass du keine eigene Seite hast? 🙂
      Besonders mochte ich diesen Abschnitt: „Für mich war das eine befreiende Erfahrung. Zum ersten Mal seit Langem konnte ich wieder meine eigenen Gedanken hören. Ich fing an, mich mehr für die Gesellschaft und die Politik und die Zukunft unserer Spezies zu interessieren. Über die großen Ideen kann nur nachdenken, wer sich nicht permanent um den eigenen Lebenserhalt sorgen muss, wer nicht den ganzen Tag lang arbeitet und abends zu erschöpft ist, um einen klaren Gedanken zu fassen. “
      Für mich auch ganz klar eine der großen Erfahrungen in der Krise. Ich hoffe sehr, dass trotz der schrittweisen Lockerungen solche Gedanken im Kopf bleiben werden. Dann hätte die Pandemie eine gute Sache ja schon mal getan.
      Oh, und über das Fight Club Zitat musste ich sehr schmunzeln: Den werde ich mir demnächst auch mal wieder anschauen. 😀
      Ganz ganz liebe Grüße!

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