Ausgelesen #Frühjahrslese

Der April geht zu Ende und damit sinkt auch mein Bücherstapel beträchtlich. Was ich in den ersten vier Monaten dieses seltsamen Jahres gelesen habe, was gut war und was nicht: Hier folgt eine kunterbunte Mischung.

Paul Auster: 4 3 2 1

Zugegeben: Wirklich neu ist dieser Roman von dem amerikanischen Schriftsteller Paul Auster nicht, erschien er doch bereits Anfang 2017 in Deutschland. Obwohl das Werk schon länger auf meiner Wunschlese-Liste stand, traute ich mich aber erst jetzt in Corona Zeiten (sprich ohne soziale Verpflichtungen und Ablenkungen) dazu, es in die Hand zu nehmen. Denn stolze 1264 Seiten (auf deutsch) wollen schließlich erst einmal gelesen werden!
Darum geht es: Wer kennt sie nicht, die ganz große Frage: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich nicht in Rostock studiert hätte? Wäre ich heute Jemand ganz Anderes? Mit einem anderen Beruf, anderen Freunden, einer neuen Beziehung? Wie sehr beeinflussen Zufälle und Entscheidungen unser Leben? Wieviele verschiedene Seiten unser Persönlichkeit kommen überhaupt zum Vorschein? Woher weiß man, welche Entscheidungen die Richtigen sind? Wer solche Gedankenspiele – wie ich – liebt, der wird 4 3 2 1 verschlingen. Denn genau darum geht es: Paul Auster erzählt viermal die Lebensgeschichte seiner Hauptfigur, Archie Ferguson. Und zwar .jedes Mal unterschiedlich, je nachdem, welchen Weg Archie und seine Weggefährten einschlagen. So strebt Archie beispielsweise in einem Abschnitt eine Karriere als Schriftsteller in Paris an, währenddessen er zur gleichen Zeit in einem anderen Kapitel an einer amerikanischen Uni lernt. Und auch in der Liebe macht Archie die unterschiedlichsten Erfahrungen, von Langzeitbeziehung, über viel, viel Liebeskummer bis hin zu munteren Experimenten zwischen Frauen und Männern.
Das kann manchmal ganz schön verwirrend sein. Denn interessanter Weise erzählt Paul Auster die vier Leben nicht chronologisch hintereinander, sondern parallel: Also viermal hintereinander eine unterschiedliche Kindheit, viermal hintereinander Archies Erwachsenwerden, etc. Dabei verwechselt man gerne auch schon mal die verschiedenen Archies und Familienangehörigen, aber das verdirbt einen meiner Meinung nach nicht die Lesefreude. Denn ähnlich wie in der Elena Ferrante Saga bekommt man bei jeder gelesenen Seite mehr das Gefühl, Archie wirklich kennenzulernen und seinen Lebensweg hautnah zu verfolgen. Für mich ein absoluter Glücksgriff im Bücherregal und das perfekte Buch für diese Zeit, in der man mal wieder richtig Lust und Zeit hat, solche gewaltigen Werke zu lesen.

Mercedes Lauenstein: BLANcA

Auch hier bin ich offensichtlich wieder ein Spätzünder: Denn das 2. Werk von Mercedes Lauenstein (nach Nacht) erschien bereits im Mai 2018. In meine Hände fiel BLANCA dagegen erst in diesem Frühjahr, als ich das letzte Mal vor Corona in die Bibliothek gehen konnte. Dabei sprach mich in 1. Linie vor allem das Cover an, das in mir sofort die Lust auf Reisen und Sommer geweckt hat.
Darum geht es: Blanca ist 15 und will nur noch weg – beziehungsweise endlich einmal irgendwo ankommen. Denn als Tochter einer Hippie Mutter ist Blanca fast nur unterwegs. Immer ist sie Neue, immer ist sie Tochter von, immer muss sie in zu engen WG Zimmern mit ihrer Mutter schlafen. Doch jetzt reicht es Blanca: Nach einem neuen und extremen Streit mit ihrer Mutter, reißt sie aus. Ihr Ziel: Eine kleine italienische Insel, wo sie die glücklichste Zeit ihrer Kindheit verbracht hat (bevor ihre Mutter in einer Art Übersprungshandlung mit ihr wieder abhaute). Sie will zu Karl und zu seinem Sohn Toni, die sie damals so freundlich aufgenommen haben. Doch das ist viele Jahre her. Ohne Geld, ohne richtigen Plan bricht Blanca auf.
Vielleicht mag es an meiner Schwäche für Roadtrips und Coming of Age – Romanen liegen, aber ich war ab der ersten Seite an sofort von Blancas Abenteuer fasziniert. Ähnlich wie bei 4 3 2 1 kennt man ja auch diesen Gedanken nur zu gut: Jetzt einfach mal aufbrechen, ohne Ziel, ohne große Planung. Wie verführerisch! Nur schade, dass man in der Regel solche verrückten Gedanken dann doch nicht in die Tat umsetzt. Aber genau dafür gibt es ja schließlich auch die Literatur. 🙂
Für mich ist BLANCA ein toller Wegbegleiter für einen eigenen Roadtrip – oder auch für sehnsüchtige Gedankenspiele in den eigenen vier Wänden.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Zu Die Liebe im Ernstfall griff ich aus zwei Gründen: 1. wird darüber hoffentlich bald in meinem Buchclub ausführlich gesprochen, 2. spielt der Roman in Leipzig, meiner Wahl-Heimatstadt seit bald 5 Jahren. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich persönliche finde es immer toll, wenn ich beim Lesen auf bestimmte Beschreibungen von Orten und Stimmungen stoße, die ich selbst ganz genau kenne, so dass sich Fiktion und Realität manchmal ein wenig vermischen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich andererseits so wenig mit Fantasy anfangen kann, wer weiß.
Darum geht es: Ähnlich wie Anna Hope in Was wir sind, zeichnet Daniela Krien in ihrem Roman die verschiedenen Lebensentwürfe von fünf verschiedenen Frauen nach, die alle auf unterschiedlichste Art und Weise miteinander verbunden sind. Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde sind alle Ende 30/Anfang 40 und stehen an verschiedenen Punkten an ihrem Leben. Brida scheitert daran, ihre Liebe zum Schreiben und zu ihrer Familie unter einem Hut zu bringen, Malika trauert noch immer ihrer großen Liebe hinterher, als sie von Jorinde ein überraschendes Angebot erhält, Paula ist zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich und Judith weiß vor allem, was sie nicht will.
Mir hat beim Lesen vor allem Daniela Kriens leichter und pointierter Schreibstil gefallen, der dafür sorgte, dass ich den Roman innerhalb eines Tages durchgelesen habe. Mit jeder neuer Erzählerstimme (jede Frau hat ihren eigenen, einzelnen Abschnitt als Hauptfigur) wurden die komplexen Beziehungen untereinander sichtbarer, sowie die zur Schau getragenen und echten Gefühlen. Diese Doppeldeutigkeit fand ich sehr gelungen dargestellt. Etwas kritischer finde ich, dass sich bei fast allen der Frauen die Gedanken vor allem um Männer kreisten: Die, die sie nie haben konnten , die, die sie nicht mehr haben wollten, die, die die sie nie wieder haben werden. Da hätte ich mir persönlich etwas mehr Vielfalt gewünscht.

Judith Herrmann – Alice

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt für mich und Alice. Denn so sehr ich Judith Hermann für ihre klare, schnörkelige Art zu schreiben bewundere und die melancholische Grundstimmung in den meisten ihrer Kurzgeschichten sehr mag, war Alice für mich eine Enttäuschung. Aber der Reihe nach.
Darum geht es: Alice muss in fünf Kurzgeschichten Abschied nehmen. Von Micha, Conrad, Richard, Malte, Raymond. Jeder dieser Männer stirbt allein, wir erfahren so gut wie nichts über sie. Dafür viel über Alice. Was sie zu Lebzeiten mit den Männern verband, wen sie vermisst, wen sie beim Sterben begleitet.
Möglich, dass Corona und die damit verbundenen Sorgen um Familienangehörige, mich davon abhielten, in die fünf Geschichten vom Tod wirklich eintauchen zu wollen. Jedenfalls muss ich zugeben, dass ich nach der dritten Geschichte den Band weggelegt und seitdem nicht noch einmal angerührt habe. Aber ich glaube, mir hat auch irgendwas Entscheidendes gefehlt. Das gewisse Extra, dass uns beim Lesen die Welt um uns herum vergessen lässt und das Gefühl gibt, die beschriebenen Personen wirklich kennenzulernen. Für mich blieb Alice bis zum Schluss eine eher blasse Figur und auch der lakonische Grundton, den ich Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster sehr mochte, ging mir hier nach einer Weile auf die Nerven. Geschmacksache, vielleicht.

SONJA HEISS: RIMINI

Ähnlich wie bei BLANCA ging ich bei meiner Ausleihe von RIMINI von einer turbulenten Reise in den Süden Italiens aus. Tja, so schnell kann man sich manchmal irren. Denn es ist lange her, dass Barbara im italienischen Küstenort Rimini ihre Flitterwochen verbracht hat. Aber selbst heute, 40 Jahre später träumt sich Barbara in diese Zeit zurück. Und Achtung, Spoiler: Das liegt nicht an ihrem Ehemann.
Darum geht es: Im Mittelpunkt von RIMINI steht eine ganz normale Familie, die nicht glücklicher oder unglücklicher ist, als jede Andere auch. Alexander ist endlich in Rente und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als rundum die Zeit bei seiner Ehefrau Barbara zu sein. Der geht jedoch Alexanders Fürsorglichkeit und Nähe kräftig auf die Nerven: Immer häufiger flieht sie in eine Nachbarwohnung, in der sie als Putzfrau angestellt ist, jedoch den Ort immer mehr nutzt, um endlich aufatmen zu können. Zurück bleibt der unglückliche Alexander, der sich einen Wellensittich zulegt, um nicht mehr so viel allein zu sein. Auch ihre Kinder Mascha und Hans, längst schon erwachsen, kämpfen mit ihrem Alltag. Hans hat mit regelmäßigen Wutausbrüchen und seiner unglücklichen Ehe mit der schönen Ellen zu tun, findet jedoch auch bei seiner Therapeutin keine Ruhe. Mascha, die immer das Scheinwerferlicht gesucht hat, fällt mit 39 Jahren auf, dass sie plötzlich ein Kind möchte. Nur der passende Mann fehlt ihr dazu, denn von dem langweiligen Langzeitfreund Georg hat sie sich gerade erst getrennt.
Man merkt sehr schnell, dass die Autorin Sonja Heiss vom Film kommt – die schnellen Dialogen, die visuell beschriebenen Szenen sitzen an jeder Stelle. Oft habe ich mir im Kopf bereits die Verfilmung ausgedacht, wer weiß, vielleicht kommt sie ja mal irgendwann im Zweiten oder auf Netflix. Obwohl ich keine der Figuren wirklich mochte, sind sie mir im Laufe der Zeit immer mehr ans Herz gewachsen – vielleicht gerade deshalb, weil sie nichts dafür tun, „gemocht“ zu werden und stattdessen von ihrer Autorin mit gnadenloser Ehrlichkeit und Verletzbarkeit erzählt werden. RIMINI ist weder eine Feelgood-Geschichte, noch ein Roadtrip – dafür aber eine mitreißende, ehrlich erzählte Familiengeschichte.

Håkan Nesser – Das vierte Opfer

So wenig ich mit blutrünstigen Thrillern anfangen kann, so sehr habe ich eine Schwäche für schlau konstruierte Geschichten mit psychologischer Finesse. Einer meiner absoluten Helden auf diesem Gebiet, der mich fast nie enttäuscht, ist der schwedische Bestsellerautor Hakan Nesser, der mit den Kommissaren Van Veeteren und Barbarotti gleich zwei einzigartige Typen erschaffen hat. Zu seinen Romanen greife ich immer wieder, wenn ich mal auf Nummer Sicher gehen und Lust auf eine spannende Story habe (dabei pfeife ich auf die Chronologie der Fälle). So kam es, dass sich auch die Geschichte vom vierten Opfer in meine Bibliotheksausleihe schlich.
Darum geht es: Drei Morde, kurz hintereinander, sorgen für Angst und Unruhen in dem sonst so beschaulichen Küstenort Kaalbringen. Denn die Opfer sind Einwohner der Stadt, keine Feriengäste. Die Vermutung: Der Mörder ist unter ihnen – und plant vermutlich gerade seine nächste Tat. Um die überforderte Polizeistelle vor Ort zu unterstützen, wird der berüchtigte Kommissar Van Veeteren zur Unterstützung geschickt, doch auch mit seiner Hilfe erweist sich der Fall als deutlich schwieriger als geplant. Dabei drängt die Zeit, denn der Täter nimmt das vierte Opfer in seine Gewalt…
Und wieder wurde ich nicht enttäuscht. Für mich sind die Krimis von Hakan Nesser einfach eine sichere Bank. Auch hier habe ich wieder bis zur letzten Seite mitgefiebert und mich an seinem wunderschönem Schreibstil erfreut (hach, ich wünschte, ich könnte mich so ausdrücken wie er).

Simon Beckett: Kalte Asche

Nach meiner Lobrede auf Hakan Nessars feine psychologische Finesse, erscheinen Titel und Coverbild von Kalte Asche nun ganz schön plakativ, oder? Lasst euch davon aber bitte nicht abhalten: Denn statt Sebastian Fitzek – Gewaltorgien, erwartet euch ein nuancierter Thriller mit einigen Twists. Ich selbst habe vor Jahren begeistert Die Chemie des Todes von Simon Beckett gelesen, doch es brauchte vor ein paar Wochen eine Geschenkbox in der Nachbarschaft, um die Fortsetzung der Reihe rundum den Rechtsmediziner David Hunter zu lesen.
Darum geht es: David Hunter verschlägt es auf die kleine, schottische Insel Runa mittendrin im Nirgendwo. Hier soll er die Überreste einer Leiche untersuchen – beziehungsweise, was von ihr übrig geblieben ist. Asche. Wie in Kaalbringen steht auch hier schnell fest: Der Täter muss einer der Einheimischen sein. Schnell gewinnt der Fall eine Eigendynamik, denn der Mörder setzt alles daran, um nicht gefasst zu werden. Und gerade als David Hunter seine ersten wichtigen Erkenntnisse dem Superintendenten weitergeben möchte, ist die Leitung tot. Ein Sturm zieht auf und schneidet Runa und seine Bewohner von der Außenwelt ab. Dann geschieht ein neuer Mord…
Für (ganz) schwache Nerven ist die Reihe um den Gerichtsmediziner David Hunter ganz sicher nichts. Für alle Anderen, die dem Krimi-Genre offen gegenüber stehen, dagegen aber schon. Allerdings ist Kalte Asche meiner Meinung nach weniger ein klassischer Whodunit (auch wenn man sich das bis zum Schluss oft fragt und nicht selten, den Täter im Kopf wechselt), als vielmehr eine Milieustudie der Bewohner der schottischen Insel. Wie der zurückhaltende und melancholische David Hunter immer mehr hinter die Fassaden der Menschen schaut und sich die Lage auf der Insel immer mehr zuspitzt, ist sehr lesenswert und unterhaltsam. Aber Achtung: Der Band endet mit einem echten Cliffhanger.

Welche Bücher habe ihr gerade erst ausgelesen?

6 Comments

  1. Magda

    Wow, dass sind einige Werke … Ein zwei Werke haben es mir auf jeden Fall angetan 🙂 Vielen Dank für deine Inspiration!
    Und heute werde ich wohl endlich: Eat, pray, love zu Ende lesen. Kann es kaum erwarten endlich wieder ein anderes Buch zu lesen 🙂

    Liken

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