Was ich von meiner mama gelernt habe

Heute ist Muttertag und obwohl ich weiß, dass sich meine Mama nichts aus diesem Feiertag macht, wäre ich heute gerne bei ihr, um ihr zu sagen wie lieb ich sie habe und wie sehr ich sie für das bewundere, was sie aus sich und ihrem Leben gemacht hat und wieviel sie mir und meinen beiden Geschwistern mit auf dem Weg gegeben hat. Das mache (zumindest) ich im Alltag nämlich viel zu selten.

Dabei ist meine Mama seit 28einhalb Jahren die Konstante in meinem Leben. Wie viel habe ich dir zu verdanken, Mami: So viele Tränen, die du getrocknet, so viele Lachen, die du mir entlockt, so viele Weisheiten, die du mir geschenkt hast. Dank dir weiß ich, dass vermeintlich klügere oder erfolgreichere Menschen nicht automatisch glücklicher sind (wie oft hat mich dieser Spruch nach mäßigen Klausuren in der Schule getröstet), wie wichtig es ist, Freundschaften zu pflegen und sich Zeit für seine Freunde zu nehmen, egal, wie gestresst oder überfordert man manchmal ist, wie großartig es sein kann, in Ruhe zu kochen, Musik aufzulegen und dabei mehrere Kochschlucke Wein zu trinken, dass man sich manchmal allein durch Lippenstift schon besser fühlen kann, aber vor allem weiß ich durch dich, wie sehr man seine eigene Familie lieben kann.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich dich in schwingenden Blumenkleidern vor mir, im Garten bei den Rosen, mit einem Glas Wein am Tisch, auf dem Sprung zu Freunden und Terminen an der Tür, dich mit meinem Bruder, meiner Schwester und mir eingekuschelt auf der Couch, als Hexe und Schatzsucherin verkleidet auf Kindergeburtstagen, morgens in der Küche ein Brot pro Tag für uns alle schmieren, nachts Gute Nacht Küsse und liebe Worte verteilen.

Natürlich gab es auch Tage, an denen wir uns nichts zu sagen hatten. Ich als Teenie wortlos am Tisch saß und aus Prinzip alles anders machen wollte, als ihr. Heute hoffe ich, dass mir ein Bruchteil von dem gelingt, was du mit Papa für uns erschaffen hast: Ein Königreich der Erinnerungen.

Manchmal sind wir uns so nah, dass es mir Angst macht. Weil du mich besser kennst als jeder andere Mensch auf dieser Welt, kann ich dir nie was vormachen. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber deine Meinung ist mir Eine der Wichtigsten.

Du bist so schön, schlau, humorvoll, wunderbar und herzlich, dass ich immer stolz auf dich bin, wenn ich dich ansehe oder mit dir zusammen bin. Ich bewundere dich dafür, dass du (fast) immer so schick und elegant durch das Leben gehst und es voll auskostest. Manchmal bin ich aber auch böse auf dich, wenn du zu viele Termine auf einmal legst und du versuchst, allen Erwartungen gerecht zu werden, obwohl selbst du Mami, das nicht immer schaffen kannst.

Ich habe nie von dir gelernt, wie bequem ein Sonntagabend in Jogginghosen ist und wie gut es tun kann, Termine abzusagen und zwei Tage „nichts zu tun“. Wie solltest du das aber auch vermitteln, wenn du selbst so anders aufgewachsen bist. Das sind Erfahrungen, die ich woanders mache, was gut ist, denn auch wenn wir beide ein großes, eingeschweißtes WIR sind, ist jeder von uns auch immer noch ein „Ich“.

Wenn ich Fotos aus meiner Kindheit betrachte, werde ich schnell melancholisch. Nicht, weil die Zeiten nicht schön waren, sondern weil sie mir zeigen, wie schnell die Zeit vergeht. In dicken Alben entdecke ich meine Omas und Opas, die nicht nur Betrachter der Szenerie sind, sondern noch mitten im Leben stehen: Sie basteln, sie rennen, sie tragen mich und meine Geschwister herum, schmeißen Partys. In diesem Augenblick fällt es mir schwer zu glauben, dass diese Menschen den Aufnahmen längst entwachsen sind. Sie heute alt sind. Ihre Vergangenheit größer ist als ihre Zukunft. Dass nach und nach noch mehr Menschen nur in Alben existieren werden, ist für mich immer noch unvorstellbar. Ich habe Angst davor, irgendwann zu merken, dass auch ihr alt werdet, Papi und Du. Wie gerne würde ich diese Zeit einfrieren: Ihr beide, noch immer so viel unterwegs, aber auch immer gelassener, was so genannte Verpflichtungen angeht. Euer Haus, das immer für uns offen steht, das ihr aber auch gerne und ohne Problem für euch alleine habt. Ihr beide, noch so neugierig auf das was kommt, aber auch so zufrieden, mit dem, was ihr habt.

Ich freue mich darauf, wenn du und Papa in ein paar Jahren unsere – heute noch ungeborenen – Kinder im Arm haltet und ihnen Dinge schenkt, für die man Großeltern hat: Extra gekaufte Süßigkeiten, lange Vorlesestunden im Bett, Spiele und ausgiebige Fernsehstunden, immer ein offenes Ohr und absolute Verschwiegenheit gegenüber den Eltern.

Heute ist ein Tag, um Dir einfach für all das danke zu sagen, Mami. Danke dafür, dass du mir nicht nur mein Leben geschenkt hast, sondern es auch seitdem ganz nah an meiner Seite begleitest. Ich habe dich lieb.

9 Comments

  1. Magda

    Sehr schöne Worte! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können 🙂
    Auch, wenn deine Mama nichts vom Feiertag hält, denke ich, dass man genau solche Tage braucht, die einen erinnern. Wird man daran nicht erinnert, so kann vieles in Vergessenheit geraten. Ich verstehe, dass einerseits auch eher die Wirtschaft vom Umsatz profitiert, jedoch denke ich, dass solch ein Beitrag (oder ein Brief) eben eine gute Alternative zu Blumen oder anderen Geschenken ist. Kleine Aufmerksamkeiten kann man Mama eben auch zum Geburtstag oder im Alltag schenken 😉
    Liebe Grüße
    Magda von magdasmomente

    Gefällt 1 Person

    1. Helen

      Hi Johanna,
      das ist wirklich ein schöner Text und ich freue mich für dich, dass deine Eltern für dich und deine Geschwister ein Königreich der Erinnerungen schaffen konnten. 🙂
      Ich hab‘ dich hier für den “Awesome Blogger Award“ nominiert https://helenschreibt.wordpress.com/2020/05/15/awesome-blogger-award/#more-908
      Wenn du magst, kannst du gerne ein paar Fragen über dich beantworten, ansonsten betrachte es einfach als ein Kompliment für deinen Blog. 🙂
      Liebe Grüße, Helen

      Liken

  2. Helin Hatun

    Liebe Johanna, dein Text ist einfach wunderschön. All deine Erinnerungen und die Liebe zu deiner Mama und deiner Familie beschreibst du so schön in deinem Text. Es war eine Freude, diesen Brief zu lesen, danke, dass du es mit uns geteilt hast. Liebe Grüsse Helin

    Gefällt 1 Person

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