Warum ich unterschätzte städte so liebe

Himmelfahrt verbrachte ich dieses Jahr bei meinem Bruder in Magdeburg, wo er berufsbedingt vor knapp vier Monaten hingezogen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich Magdeburg nur vom Hörensagen, die Stadt war für mich nichts weiter als ein weißer Fleck auf der Landkarte. Ohne eine Vorstellung von Architektur, Stadtbild, Atmosphäre oder Menschenschlag zu haben, setze ich mich also frühmorgens in den ICE und war bereit, mich überraschen zu lassen.
Hier erkannte ich bereits den 1. Vorteil, den kleinere Städte so an sich haben: Man ist noch neugierig auf sie. Fahre ich dagegen nach Berlin, Hamburg oder Köln, habe ich doch schon immer eine recht genaue Vorstellung davon was mich erwartet: Brandenburger Tor, Szenekieze, Alster, Reeperbahn, Dom, Kölsch. Aber Magdeburg? Ich hatte keine Meinung zu Magdeburg. Die Chance, überrascht zu werden, war also ziemlich hoch.

Das Erste, was mir an diesem Frühsommertag auffiel, war der viele Platz. Breite Straßen, große Plätze, auf denen sich keine Menschenmassen entlang schoben wie zur gleichen Zeit vergleichbar in der Schildergasse in Köln. Teilweise hätte ich mit breit ausgestreckten Armen die Hauptstraße entlang laufen können, ohne Jemand anderes zu behindern. Wer weiß, ob überhaupt jemand davon Notiz genommen hätte. Die Menschen, die unsere Wege streiften, ignorierten uns freundlich.
Die Geschäfte und Restaurants, an denen wir vorbei kamen, gibt es so oder so ähnlich wohl in jeder anderen durchschnittlichen deutschen Stadt auch: McDonalds, Cinemaxx, Indian Palace, Eiscafé Venezia. Ich sah weder Concept Stores noch Healthy Food Geschäfte, nichts war besonders hip oder cool, nichts davon erregte besonders meine Aufmerksamkeit. Für Andere mag diese Leere bedrückend und gesichtslos erscheinen, ich persönlich mag das Gefühl, mich auf Anhieb an einem Ort zurecht zu finden, der mich nicht fordert, an dem ich nichts Spektakuläres machen sollte, wenn ich schon einmal da bin. Die Stadt ist da und ich bin es für den Moment eben auch. Mehr nicht.

Als mein Bruder und ich an der Elbe angekommen waren, uns ein Spaghetti Eis to go holten und uns auf die steinerne Treppe mit Blick auf das glitzernde Wasser setzen, wurde ich nostalgisch. Um uns herum standen Familien mit kleinen Kindern, Teenager saßen – wie immer – in Gruppen zusammen, Paare, frisch verliebte und grau melierte, teilten Gedanken und Berührungen, lärmende Männertag-Gruppen versuchten die Aufmerksamkeit vereinzelter Frauengruppen zu erhaschen. Mittendrin, mein Bruder und ich. Es war eine bunte Mischung von sozialen Schichten, die an diesem Tag hier zusammen kam, verschiedene Altersgruppen, Geschlechter und Herkünfte mischten sich unbeschwert durcheinander. Es gefiel mir hier. Weil es Magdeburg noch nicht in die NY Times geschafft hat, die Mieten noch bezahlbar sind und es tatsächlich noch keinen Starbucks gibt (für mich ein verlässlicher Hipness-Indikator), finden hier noch Menschen mit verschiedenen Geschichten Platz. Etwas, das ich in der Innenstadt von Leipzig und in anderen Großstädten oft vermisse.

Das Schöne ist: Nach Besuchen unterschätzter Städte hat man meistens wenig Spektakuläres zu erzählen. Genau das wird von einem aber auch nicht erwartet.

Wer sagt schon: Ohhh, Magdeburg ist super, warst du schon bei XY?! Da musst du hin! oder: Magdeburg? Ok wow, du MUSST mir alles erzählen!

Eben. Stattdessen sammelt man unterwegs kleine Momente und Eindrücke, die nur einem selbst gehören. Ich war jedenfalls überrascht davon, wie grün es in Magdeburg ist (auch das ist wohl eher wenig Smalltalk-tauglich). Hier zahlte es sich vermutlich aus, dass ich schlichtweg vor meinem Besuch keine Erwartungen an die Stadt hatte und keine „Diese Dinge musst du in Magdeburg unbedingt tun“ – Artikel gelesen hatte – ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob solche überhaupt existieren. Stattdessen ging ich selbst auf Entdeckerjagd, streifte durch verlassene Alleen und Ruinenberge, wanderte über die Promenade und die Sternbrücke, spazierte im Park und ging die ewig lange Hauptstraße entlang. All das schien für den Moment nur meinem Bruder und mir zu gehören.

Aber gerade als ich mich an die Durchschnittlichkeit der Stadt gewöhnte, kamen wir auf unserem Rückweg dann doch noch an eine der wenigen Hauptattraktionen vorbei: Das Hundertwasserhaus, auch bekannt als Grüne Zitadelle (das seinen Namen übrigens dem grasbewachsenen Dach verdankt). So schief und krumm, so verspielt und bunt, wie ein freundliches Augenzwinkern, das einen ermahnt, sich nicht zu früh ein Bild von Magdeburg zu bilden: Und immer für eine Überraschung bereit zu sein. Manchmal lauert sie eben nur eine Straßenecke oder Haltestelle weiter.

5 Comments

  1. Anke Roeder-Eckert

    Magdeburg wurde im II. Weltkrieg sehr stark zerstört, deshalb gibt es dort kaum historische Bausubstanz. Die Stadt ist schon was Besonderes, nicht nur, weil sie an der Elbe liegt, sondern auch wegen Otto von Guericke.

    Liken

  2. Magda

    In Magdeburg war ich noch nie, bin jedoch schon öfter dran vorbei gefahren 🙂 In deinen Text konnte ich mich sehr gut hineinversetzten und ich habe die „Situation“ mitgefühlt ☺️ Und ich gebe dir recht, es spricht so wirklich niemand über „kleine“ Städte. Über meine Heimat hört man auch nicht gerade vieles Positives, trotzdem liebe ich sie, weil es so viele schöne Ecken gibt! 🙂 Aber genauso merkt man wie in Zeiten von Corona, dass unsere Stadt sehr gut zusammen hält und man gemeinsam das Beste aus der Situation macht 🙂
    Liebe Grüße und ich freue mich auf weitere Städteausflüge und deine Geschichten 😉

    Gefällt 1 Person

      1. Magda

        Wo genau, werde ich nicht verraten, aber es ist nicht weit Düsseldorf 😉
        Ich wünsche dir noch einen schönen Pfingstmontag 🙂

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s