Ausgelesen #Frühsommer

Seit meiner Frühjahrslese haben es wieder einige Romane von meinem Bücherstapel ins Bücherregal oder in die Bibliothek geschafft. Was davon gut war und was nicht: Hier folgt eine kunterbunte Mischung.

LEIF RANDT: ALLEGRO PASTELL

Anfang März hatte ich ALLEGRO PASTELL von Leif Randt bereits auf meinem Blog gemeinsam mit vier weiteren Büchern über Millennials vorgestellt, nun bin ich im Mai endlich dazu gekommen, es selbst zu lesen.
Darum geht es: Leif Randt erzählt in Allegro Pastell auf 280 Seiten in drei Phasen die Liebesgeschichte von Tanja und Jerome, zwei Mittdreißigern, die permanent damit beschäftigt sind, sich selbst, ihre Leben und die Außenwelt zu reflektieren. Wichtig ist, dass alles entspannt, nice und angenehm ist. Und trotzdem noch natürlich auch instagrammable. 
Und was davon ist jetzt bitte neu oder lesenswert?, mag sich der ein oder andere von euch jetzt vielleicht fragen. Und zugegeben, wirklich neu klingt die Liebesgeschichten zwischen zwei Mittdreißigern aus der Medienszene, irgendwo zwischen Berlin und Maintal, und na klar, Drogen sind auch mal mit im Spiel, nicht. Was den Roman aus meiner Sicht trotzdem von vielen anderen Geschichten abhebt, ist der nüchterne, teilweise fast schon sezierende Blick von Leif Randt auf seine zwei Hauptfiguren, denen man permanent einfach nur zurufen möchte, den Kopf mal auszuschalten und den Augenblick zu genießen. Und trotzdem liest man mit einer gewissen voyeuristischen Lust, wie Tanja und Jerome sich immer mal wieder ver- und entlieben, wie man es vielleicht auch bei Paaren aus dem weiteren Bekanntenkreis kennt. Und am Ende hat man tatsächlich das Gefühl, die beiden mit all ihren Fehlern, Macken und tiefsten Gedanken zu kennen, so dass zumindest ich, vom Ende tatsächlich sehr berührt war.

DELIA OWENS: DER GESANG DER FLUSSKREBSE

Wenn mein Mann und ich gleichermaßen denselben Roman verschlingen, ist das für die Außenwelt sicherlich keine bahnbrechende Nachricht, für uns aber tatsächlich eine echte Seltenheit (ich: Krimi- und Belletristik Liebhaberin, er: Science Fiction Fan). Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage: Für mich ist Der Gesang der Flusskrebse – jetzt schon – definitiv DER Roman des Jahres.
Darum geht es: 1952 verlässt Kyas Mutter ihren gewalttätigen, alkoholkranken Mann und ihre fünf Kinder. Nach und nach zieht es auch den Rest der Familie in die Welt, bis die gerade mal 6-jährige Kya im Marschland zurückbleibt. Nach einem traumatischen ersten Schultag, an dem das Mädchen gehänselt wird, zieht sie sich ins Marschland zurück und entscheidet sich für ein abgeschiedenes Leben ganz im Einklang der Natur., das ihr den Titel „Marschmädchen“ einbringt. Doch dann geschieht 1969 ein Mord an einem der beliebtesten Männer der angrenzenden Küstenstadt. Schnell sind sich die Bewohner einig: Das Marschmädchen muss die Täterin sein.
Obwohl ein Mord geschieht, ist Der Gesang der Flusskrebse kein klassischer Kriminalfall. Stattdessen verwebt die Autorin geschickt Passagen über Kyas Kindheit und Erwachsenwerden in der rauen Marschlandschaft mit der Spurensuche und dem Prozess im Mordfall. So gewinnt die Geschichte an Eigendynamik, bei der man als Leser/in bis -fast – zum Schluss nicht weiß, ob Kya die Mörderin ist oder nicht. Denn Kya bleibt bis zum Schluss ein Mysterium. Und lange, lange hat mich keine Geschichte mehr so in ihren Bann gezogen, bzw. war ich so fasziniert von einer Hauptfigur wie hier. So poetisch, so kraftvoll beschreibt Delia Owens Kyas Kindheit, ihre Liebe zur Natur, ihre Scheu vor den Menschen und ihren Hunger auf Bildung. Ein Roman, von dem ich sicher weiß, dass ich ihn nicht zum letzten Mal gelesen habe.

ANNA HOPE: WAS WIR SIND

Auch diesen Roman habe ich in dem Alles ganz schön nice hier. 5 aktuelle Bücher über Millenials bereits vor drei Monaten hier vorgestellt, doch erst vor wenigen Wochen endlich geschafft, einmal in die Hand zu nehmen – und dann (fast) am Stück durchzulesen.
Darum geht es:  Hannah, Cate und Lissa sind alle Mitte 30, haben in London studiert und gefeiert und stehen jetzt an ganz unterschiedlichen Wendepunkten ihres Lebens: Hannah wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind mit ihrem Freund Nathan, Cate hat wiederum nach der Geburt von ihrem Sohn die Großstadt gegen eine Kleinstadt ausgetauscht und das Gefühl, sich mehr und mehr zu verlieren. Und Lissa? Steht vor dem Scherben ihrer Beziehung. Und ihrem großen Traum.
Was ist aus dem Menschen geworden, der du einmal sein wolltest? Was wollen wir? Was hält Freundschaften zusammen, was trennt uns? Das sind Fragen, die sich wohl jeder von uns ab Mitte/Ende 20 schon einmal gestellt hat. Mir waren sie jedenfalls nicht neu, weswegen ich persönlich schnell einen Zugang zu den drei Freundinnen fand. Auch war ich gegen Ende gespannt, welchen Schluss Anna Hope für Hannah, Cate und Lissa finden würde und wurde nicht enttäuscht. Sicherlich kein Roman, der einem Jahre später noch im Kopf hängen bleibt, aber für unterhaltsame Stunden kann ich ihn mit gutem Gewissen empfehlen.

HAKAN NESSER: DER VEREIN DER LINKSHÄNDER

Manchmal sollte man den Mund wirklich nicht zu voll nehmen. Wie habe ich bei meiner letzten Ausgelesen Review noch über Hakan Nesser geschrieben?

Für mich sind die Krimis von Hakan Nesser einfach eine sichere Bank.

Tja, denkste. Nach der Lektüre von seinem zuletzt erschienenen Werk, Der Verein der Linkshänder war ich jedenfalls ganz schön ernüchtert.
Darum geht es: Der legendäre Kommissar Van Veeteren genießt seit einigen Jahren bereits seine wohl verdiente Pensionierung, als er kurz vor seinem 75. Geburtstag von einem alten, scheinbar gelösten Fall heimgesucht wird. Damals starben vier Menschen in einer Pension, die alle einmal zu Kinderzeiten den Verein der Linkshänder gegründet hatten. Da der 5. Teilnehmer des Treffens spurlos verschwunden war, waren sich Van Veeteren und sein Team sicher, dass es sich dabei um den Täter handeln musste. Jetzt ist seine Leiche aufgetaucht. Nur wenige Meter von dem Tatort entfernt, liegt der Mann ebenfalls seit der Mordnacht unter der Erde…das kann Van Veeteren natürlich nicht auf sich sitzen lassen!
Achja, was hatte ich mir von dem Roman nicht alles erhofft. Ein Wiedersehen mit Van Veeteren, ein erstmaliges (!) Aufeinandertreffen zwischen ihm und Kommissar Barbarotti, für den es eine eigene Krimireihe gibt, eine spannende Suche nach der Wahrheit und Erkenntnissen. Tatsächlich fesselte mich leider davon beim Lesen gar nichts, und das, obwohl ich wirklich noch nie von Hakan Nesser zuvor enttäuscht wurde. Schlimmer noch, wurde ich beim Lesen sogar manchmal das Gefühl nicht ganz los, dass es sich bei dem Aufeinandertreffen der großen Kommissare bloß um eine ausgeklügelte Marketing Strategie des Verlags handeln könnte, denn wirklich einen Mehrwert bot aus meiner Sicht dieses groß angepriesene Aufeinandertreffen nicht. Dafür fand es dann zu sehr am Rand der Geschehnisse statt. Und auch die Suche nach dem Täter empfand ich als vergleichsweise uninteressant, da sich schon früh abzeichnen ließ, um wen es sich dabei wirklich handelt.

VALERIA LUISELLI: DAS ARCHIV DER VERLORENEN KINDER

Auf diesen vielschichtigen, manchmal auch etwas sperrigen Roman bin ich durch den RadioEins Podcast Die Literaturagenten gestoßen, wo er groß angepriesen wurde. Was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht.
Darum geht es: Eine vierköpfige New Yorker Patchwork Familie macht einen Roadtrip an die Grenze zu Mexiko, wo die Eltern ihrem jeweiligen beruflichen Projekt nachkommen wollen. Während der Vater sich auf Spurensuche der Apachen begibt, möchte die Mutter eine Radioreportage über die verlorenen Einwandererkinder an der Grenze machen und sucht zudem die zwei mexikanischen Töchter einer Freundin, die an der Grenze geschnappt und plötzlich verschwunden sind. Mit im Auto sitzen dann noch der 10-jährige Sohn und die 6-jährige Tochter. Von all ihnen erzählt Valeria Luiselli. Denn schon früh macht sich die Mutter und Hauptfigur des Romans bewusst: Ihre Ehe ist am Ende. Sie glaubt nicht daran, dass es für alle Vier wieder zurück in die gemeinsame Wohnung in NY geht. So ist die Reise mit zahlreichen Reflektionen über die Anfänge ihrer Liebesbeziehung, ihre Probleme, die gemeinsamen Kinder und die unterschiedlichen Ansprüche an den Beruf und das Leben, gespickt.
Es handelt sich bei Das Archiv der verlorenen Kinder somit nicht nur um eine politische, sondern auch um eine sehr intensiv erzählte Familiengeschichte. Und genau das macht diesen Roman aus meiner Sicht so interessant. Gekonnt verwebt die Autorin das Sich-Entgleiten und Auseinanderbrechen der Familie mit den Einwandererkindern, die ihre Heimat und Sicherheit verlieren. Dabei ist der politische Standpunkt von Valeria Luiselli von Anfang an klar – die übrigens selbst die Reise mit ihrem Ex-Mann vor ein paar Jahren unternommen hat. Zudem ist der gesamte Roman voll von intertextuellen Bezügen und kreativen Ideen, die das Lesen zu einem richtigen Erlebnis machen (inklusive einer wunderbaren Überraschung am Ende).

Welche Bücher habt ihr in der letzten Zeit so gelesen? Welche Tops oder Flops?

7 Comments

    1. johannaschreibtwas

      Liebe Tine, ich beneide dich, dass du den Gesang der Flusskrebse noch vor dir hast! 🙂 Lass mich hinterher unbedingt wissen, wie es Dir gefallen hat. Auch wenn es dir nicht gefallen sollte – das verkrafte ich dann auch. 😀
      Und freut mich, dass ich dir mit Was wir sind noch eine Anregung mitgeben konnte. Das lässt sich wirklich prima am Stück durchlesen. 🙂
      Ganz liebe Grüße und danke für deinen Kommentar ❤

      Gefällt 1 Person

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