Abschied von einer Wohnung (und einem alten leben)

Dieser Text erschien zuerst im Juni Newsletter von ALMOST 30 und handelt von meiner ersten und einzigen WG in Rostock.

4 Zimmer, Küche, Bad.
1 Balkon.
Knapp 100 Quadratmeter.
Stadtmitte.
Miete etwa 1200€ warm.
Zustand: Okay.
Nachbarschaft: Unauffällig.

Nichts aus der Anzeige verrät, was sich in den letzten neun Jahren hier abgespielt hat. Die Zimmer sind leer geräumt. Die Wände gleichen wieder unbeschriebenem Papier. Keine Spur mehr von Fotos und Konzerttickets.
Es riecht nach Reinigungsmitteln statt nach Pasta und Wein.

Heute schließt sich die WG endgültig – fünf Jahre nach meinem Auszug.
Ein letztes Mal betrete ich mein altes Zimmer.
Der Blick aus dem Fenster auf die alte Villa ist noch immer derselbe. Der Lärm von der Verkehrsstraße auch. Nur ich will nicht mehr reinpassen: Denn schon lange wohnt hier nicht mehr das 20-Jährige Mädchen, das 2011 einzog und davon träumte, die Stadt zu erobern. Das bunte Flyer von Partys und alberne Abzüge aus dem Fotoautomaten über ihrem Bett pinnte, russische Gedichte abschrieb und nicht richtig wusste, wer sie war oder sein wollte. In den ganzen vier Jahren fand ich darauf keine Antwort. Nicht in der Uni, nicht in Bars und auch nicht in meinem Zimmer. Dafür war es aber mein geschützter Raum: Hier konnte ich Lebensentwürfe überstreifen wie alte Kostüme, ohne dafür gleich die Verantwortung tragen zu müssen. Konnte noch ein bisschen Kind sein und mich trotzdem schon erwachsen fühlen.

Heute bin ich gekommen, um endgültig Abschied zu nehmen. Von meinem alten Zuhause, von meinem alten Ich. Es wird nie wieder so, wie es mal war. Denn Umzüge, Jobs und Beziehungen formen und verändern uns. So sehr, dass man nie wieder in das alte Leben passt, egal wie sehr man es sich vielleicht manchmal wünscht. Zeiten gehen nun mal zu Ende. Türen schließen sich, Klingelschilder werden ausgetauscht, Erlebtes wird zu Erinnerungen, die an den Wänden haften wie alter Zigarettenrauch. Vielleicht ist das der Grund, wieso ich in der anderen Stadt nur noch selten an die Zeit hier denke: Die Erinnerungen gehören hierher. In diese Wohnung, in diese Stadt.
Ich ziehe weiter. Wenn auch mit etwas weniger Gepäck: Denn ein Stück von mir bleibt hier.

15 Comments

  1. monimonikablog

    Genau so ist es. Ich bin sehr oft umgezogen und fast jedesmal dachte ich „so schade, dass ich weg gehe“, doch im Nachhinein sah ich dann, dass es gut war, so wie es kam. Ich passte nicht mehr in das „alte“ Leben. Wie eine Raupe die sich häutet..immer wieder kommt ein (anderer) Schmetterling hervor. Und ja, ein Stück von einem Selbst bleibt zurück. Für die Melancholie.

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  2. Helen

    Der Text hat mich sehr berührt. Ich kenne das auch gut, zu wissen, dass es Zeit für eine Veränderung ist, sich aber manchmal auch ein Stück des alten Lebens zurückzuwünschen, in das man nicht mehr passt. Es klingt auf jeden Fall, als wäre die WG ein toller Ort gewesen, um sich selbst zu entdecken und ich wünsche dir alles Gute für den Neuanfang (auch, wenn er anscheinend schon ein paar Wochen her ist). 🙂

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Helen, danke für deine lieben Worte! ❤ Irgendwie ist es ja auch immer schön, sich so schwer von etwas lösen zu können, weil es bedeutet, dass es einem wirklich am Herzen lag, nicht wahr? So geht es mir jedenfalls immer. Trotzdem ist dieses "zwischen zwei Welten stehen" auch immer mit viel Aufregung, Nerven und Herzklopfen verbunden. Bislang hat es sich aber zum Glück fast immer gelohnt, einen Schritt weiter zu gehen. 🙂 Alles Liebe!

      Gefällt 2 Personen

      1. Helen

        Ja, das stimmt, Melancholie kann ja auch irgendwie ein schönes Gefühl sein. Und Aufregung und auch Zweifel gehören ja echt zum Leben dazu! 🙂

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Nicole, aufgrund deiner tollen Artikel kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dich Veränderungen nur noch mehr anspornen und du Spaß daran hast, neue Wege zu erkunden! 😀 Total spannend! Ich fürchte, ich bin da wirklich mehr der melancholische Typ, der ein bisschen länger für Veränderungen und Entscheidungen braucht und mag es aber persönlich sehr an Menschen, wenn sie wie du offen drauf los stürmen. 🙂 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Christiana

    Liebe Johanna, so schön geschrieben! Dein Text hat mich sehr berührt und ich habe mich darin wiedergefunden (auch wenn ich diesmal noch nicht an diesem Punkt bin). Wenn der Umzug noch nicht lange her ist und man sich noch nicht so richtig eingelebt hat, vermisst man das alte Zuhause, aber wenn man nach längerer Zeit wieder dahin zurückkehrt, merkt man, dass man nicht mehr in dieses alte Leben passt und dass es gut ist, weiterzuziehen.
    Ganz liebe Grüße!

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Christiana, es ist immer wieder schön zu lesen (und zu entdecken) wie scheinbar ähnlich wir uns beide in manchen Punkten sind, bzw. wir oft ähnliche Dinge fühlen oder denken. Du hast es wirklich auch noch mal sehr schön zusammen gefasst. 🙂
      Ich hoffe, dass sich bei dir auch bald alles etwas legen wird und du richtig ankommen kannst. ❤

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      1. Christiana

        Ja, das finde ich auch! Und ich lese deine Texte total gerne 🙂
        Ich habe tatsächlich in den letzten Tagen bei meinen Überlegungen Rückumzug Ja oder Nein auch an deinen Text gedacht … vor allem an den Satz, dass man irgendwann nicht mehr in das alte Leben passt. Wie wahr …

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  4. Magda

    Wunderschön geschrieben, Johanna! Ich konnte mich sehr gut in das Geschriebene hineinversetzen. Ich persönlich freue mich, wenn etwas neues anfängt, denn die Persönlichkeit verändert sich. Verändert sich aber ins „positive“, denn man wächst, lernt wieder Neues und wird zu einem anderen Menschen 🙂
    Liebe Grüße und bleib gesund 😉

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