Blog_Hier unter Freunden_Selbstständigkeit

Was kommt wenn nichts kommen will?

In der letzten Zeit ist es ruhig auf meinem Blog geworden. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe – sondern eher im Gegenteil, weil gerade so viel passiert und ich mit dem denken, handeln und schreiben kaum hinterher komme. Doch so langsam kristallisiert sich aus dem wirren Gedankenknäul eine feste Idee heraus, wie es weitergehen soll. Mit mir, meinem Leben, meiner Arbeit. Denn hängt nicht auch alles irgendwie miteinander zusammen?

Was ist passiert?

Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, fiel ich vor knapp zwei Monaten aus dem sicher geglaubten Netz aus Abitur, Studium und Festanstellung heraus: Es tut uns Leid, wir müssen Dir leider kündigen. 9 Wörter, die meine Welt auf den Kopf stellten. Nach dreieinhalb Jahren verlor ich meine Festanstellung. Und damit meine Naivität, dass es trotz Corona schon irgendwie für mich wie gewohnt weitergehen würde. Gekündigt zu werden passte einfach nicht in mein Weltbild. Das passiert Anderen, aber doch nicht mir, dachte ich (arrogant wie ich war).
Tja, falsch gedacht. Von einem Tag auf den Anderen war ich arbeitslos und eine weitere Kundennummer bei der Agentur für Arbeit.
Ich stand komplett neben mir. Alles fühlte sich plötzlich an wie ein Film, aber doch nicht wie mein (!) Leben.

Zum ersten Mal hatte ich keine Ahnung, wie es für mich weitergehen würde. Ich empfand diesen Schwebezustand als unerträglich. Also versuchte ich gegen die Ungewissheit anzukämpfen, und meine Arbeitszeiten durch produktive Jobsuche zu ersetzen. Hauptsache, keine Leerstellen. Hauptsache, keine Orientierungslosigkeit. Am besten gar nicht erst über diesen Zustand nachdenken, sondern schnell ins Handeln kommen. In bester Arbeitnehmermanier suchte ich also Tag für Tag brav nach neuen Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen auf Positionen, die mich nicht interessierten und aktualisierte alle paar Minuten mein E-mail Postfach, um festzustellen, dass niemand auf meine Bewerbungen reagierte. Fast schien es, als würde, je mehr ich mich krampfhaft um eine neue Festanstellung bemühte, desto weniger zurückkommen. Bald schon gingen mir die Antworten auf gut gemeinte Fragen aus dem Freundeskreis wie „Weißt du schon, wie es jetzt für dich weitergehen soll?“ aus. Nein, wusste ich nicht. Wie ich überhaupt zu diesem Zeitpunkt nur noch wenig wusste, alles was ich für gesetzt gehalten hatte, hatte sich schließlich innerhalb von drei Tagen als Irrglaube herausgestellt. Und mehr als Bewerbungen schreiben konnte ich doch nicht machen, oder?

Doch. EinE SACHE konnte ich noch tun: Ich konnte Warten.

Und zwar ganz im Sinne der mittelhochdeutschen Bedeutung „auf etwas achthaben.“ Was so viel bedeutet wie einer Sache Aufmerksamkeit schenken. Und damit meine ich nicht die Jobsuche, sondern mir selbst. Statt sinnlos die Stunden im Internet nach Stellenanzeigen zu vergeuden, die man eigentlich gar nicht antreten möchte, zwang ich mich nach einiger Zeit dazu, diesen merkwürdigen Schwebezustand zwischen zwei Arbeitsstellen auszuhalten. Und tief in mich reinzuhorchen. Was hatten die letzten dreieinhalb Jahre bei der Arbeit mit mir gemacht? Was war gut, was war schlecht gelaufen? Was konnte ich für mich aus der Zeit mitnehmen? War die verlorene Arbeitsstelle wirklich so ein großer Verlust, wie es sich anfangs für mich anfühlte? Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer schien mein Blick auf die letzten Jahre zu werden. Nein, es war längst nicht alles eitel Sonnenschein gewesen. Wie oft hatte ich geweint und geglaubt, nicht mehr so weitermachen zu können? Wie oft hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, etwas anderes zu machen?
Eben.
Ich habe mal gehört, dass Menschen nichts so schwer fällt wie Gewohnheiten zu ändern. Hier servierte mir das Leben plötzlich die Gelegenheit dazu. Auf einmal spürte ich, wie sehr die letzten Jahre auch eine Last gewesen waren, wie leicht ich mich ohne den Druck und die Verantwortung fühlte. Ich mich selbst wieder spüren konnte. Denn glaubt mir, ohne eine 40 – Stunden Woche, To do’s und Mittagspausen hat man richtig viel Zeit, sich selbst wieder kennenzulernen und herauszufinden, was man eigentlich wirklich möchte. Statt mich also über fremdbestimmte Entscheidungen und (alte) Chefs zu ärgern, begann ich meine neue Lebenssituation immer mehr zu genießen. Plötzlich erschienen wieder Wege möglich, die ich mich vorher nie getraut hätte, zu betreten. Ich traute mich wieder zu träumen. Und etwas Neues zu wagen.

Wie will ich in zukunft arbeiten?

Diese Frage stellte ich mir immer wieder, obwohl ich tief in meinem Inneren die Antwort schon kannte. Ich will frei sein. Ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen können, meine eigenen Fehler machen und meinen verschiedenen Interessen nachgehen können. Ich möchte weiterhin Fernsehen produzieren, aber ich will auch schreiben. Für Magazine, Zeitungen und Websites. Denn nur beim Schreiben bin ich richtig glücklich. Das für mich so klar auszuformulieren, bedurfte viel Mut meinerseits.. Denn lange Zeit war ich von Schreckensmeldungen wie „Vom Journalismus kann keiner mehr leben“ eingeschüchtert und traute mir diesen steinigen Weg nicht zu.
Und ja, natürlich kenne ich die Risiken der Selbstständigkeit gegenüber einer Festanstellung. Ich weiß, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, mit dem Laptop drei Stunden am Tag zu arbeiten und am Ende des Monats Geldscheine regnen zu lassen. Sondern, dass mir dieser Weg einiges abverlangen wird. Ich über mich hinauswachsen werde. Ich mit neuen Problem zu kämpfen haben werde. Ich vermutlich noch mehr arbeiten werde als vorher. Aber genau das ist der Punkt: ICH mache das jetzt. ICH entscheide ab sofort über meine Zeit.
Und das Verrückte ist: Ich habe keine Angst (mehr). Sondern richtig Bock. Denn seit meiner Krise weiß ich: Es wird immer weitergehen. Irgendwie. Und wenn man etwas wirklich von Herzen will, dann schafft man das auch.. Zumindest fühlt es sich für mich gerade so an: Seit ich den Weg für mich so klar formuliert habe, öffnen sich auf einmal Türen für mich, die ich mir niemals erträumt hätte, zu öffnen.
Als erste Person aus meiner Familie, wage ich mich jetzt auf das Terrain der Selbstständigkeit. Wir kennen uns auch schon ein bisschen, die Selbständigkeit und Ich. Denn als (festangestellte) Fernsehredakteurin kam ich immer wieder in Kontakt zu freien Redakteur*innen, die ich insgeheim für ihren Mut bewunderte. Nun werde ich bald selbst Eine davon sein. Ab Oktober 2020 werde ich mein eigener Chef sein und mit Schreiben und Fernsehen hoffentlich mein Geld verdienen. Es fühlt sich einfach wie der nächste logische Schritt an. Denn während meine Bewerbungen für diverse Festanstellungen noch immer (zum Teil 2 Monate später) unbeantwortet sind, häufen sich die Nachfragen nach einer freien Mitarbeit. Und zwar auf beidem Gebieten. Ich sehe das als großes Geschenk an, bald also schon sowohl meiner Leidenschaft, dem Schreiben, nachgehen zu können, als auch beim Fernsehen zu bleiben, dessen Handwerk ich in den letzten fünf Jahren erlernen und schätzen durfte.

Was kommt, wenn nichts kommen will?

Heute kann ich die Frage beantworten. Es kommt ganz schön viel, wenn man sich darauf einlässt. Ob davon auch etwas bleiben wird, weiß ich (Stand heute) nicht. Vielleicht werde ich scheitern, mich nach einiger Zeit neu entscheiden oder dabei bleiben. Wir werden sehen. Erstmal steht mir ein wilder Ritt bevor, bei dem endlich ich die Zügel selbst in der Hand halten werde.

9 Comments

  1. Magda

    Liebe Johanna, einerseits schmerzt es mich zu lesen, dass jemand solch sympathisches sowie künstlerisch und kreativ Begabtes gekündigt wird. Aber anderseits denke ich mir: Besser hätte es für dich nicht kommen können! Manche Menschen möchten von sich aus nicht kündigen, weil sie ohne Arbeit und Gehalt vor einer neuen Herausforderung stehen, die oft eher Druck mit sich bringt, als die Möglichkeit nachzudenken und in sich zu gehen sowie zu hinterfragen, was man möchte. Es freut mich so sehr zu lesen, dass du in dich gegangen bist und für dich entschieden hast, was dich glücklich macht! 🙂
    Ich weiß zwar nicht wie weit dein Wissensstand ist, ich kann dir einerseits ein Buch empfehlen (Das 4 Stunden Startup von Felix Plötz) und anderseits habe ich das Gefühl, dass man Menschen kennen lernt, die einem Helfen oder einfach für den zukünftigen Lebensabschnitt gedacht sind. Und zwar schreibe ich momentan meine Bachelorarbeit in der Kultur- und Kreativwirtschaft mit dem Schwerpunkt, wie Unternehmen in dieser Branche vor Corona sowie während/nach Corona handeln, bestehen oder eben nicht sowie neu gegründet werden. Was für ein Zufall …
    Ich wünsche dir auf jeden Fall für deinen zukünftigen Weg ganz viel Kraft, Durchhaltevermögen und den Glauben an dich selbst, dass du es schafft! Egal wie schwer es sein wird, es wird immer jemand für dich da sein 😉
    Bleibe gesund und es ist schön von dir zu hören! 🙂

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    1. johannaschreibtwas

      Liebe Magda, zum Beantworten deines Textes wollte ich mir extra viel Zeit nehmen, daher komme ich erst jetzt dazu. Vielen, vielen Dank für deine warmherzigen und aufbauenden Zeilen, ich hatte die ganze Zeit beim Lesen ein ganz warmes Gefühl im Bauch und habe mich so sehr über deinen Kommentar gefreut. 🙂
      Vielen Dank auf jeden Fall für den Buchtipp, tatsächlich kannte ich das bislang noch nicht, habe ich mir aber direkt in der Bib mal vorbestellt. 🙂
      Ja, ich glaube auch ganz fest daran, dass man in seinem Leben immer in bestimmten Punkten Menschen trifft, die dazu bestimmt sind, einem in einer bestimmten Lebenssituation zu begleiten oder zu stoßen. 🙂 Das ist ja echt mal ein Zufall mit deiner Masterarbeit! Falls du da noch irgendwelche Interviews oder konkrete Beispiele brauchst: Lass es mich gerne wissen, ich könnte dir (privat) da bestimmt weiterhelfen. 🙂
      Auf jeden Fall vielen Dank für diesen moralischen Beistand! 🙂 Neulich hatte ich eine erste kurze Panikattacke, ob ich das alles stemmen kann, inzwischen bin ich aber wieder im Angreifer-Modus. 😀
      Bleib gesund und genieß den Sommer und ganz lieben Dank nochmal ❤

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      1. Magda

        Liebe Johanna, ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass man nicht sofort auf Nachrichten antworte! 😉
        Alles braucht seine Zeit! Und wenn du bei irgendetwas Fragen haben solltest, kannst du mir auch gerne schreiben 🙂
        Ich werde mich auf jeden Fall bei dir noch melden! Denn dieses Angebot lasse ich mir nicht entgehen! Und auch vielen lieben Dank an dieser Stelle für das Angebot! 🙂

        Nicht dafür! Ich kenne solche Phasen auch und du bist damit nicht allein! Was mir auch sehr oft bzw. immer Hilft in solchen Phasen ist Meditation. Die App: 7Mind bietet da zum Beispiel eine Kooperation mit bestimmten Krankenkassen an. So übernimmt die Krankenkasse die Kosten für das erste Jahr. Ich empfehle dir diese App, da ich die Meditation sehr gut finde! Es gibt aber auch ein Podcast von 7Mind auf Spotify, den kann ich auch empfehlen 🙂
        Bleibe bitte auch gesund und nimm dir die Zeit die du brauchst! Alles braucht seine Zeit und Veränderungen oder Fortschritt ist nicht immer von jetzt auf gleich zu erkennen 😉

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  2. Tine von Glücksgedöns

    Liebe Johanna! Lange hat es gedauert, aber nun hatte ich endlich die Ruhe, deinen Beitrag zu lesen!
    Mein Lieblingssatz ist: „Denn seit meiner Krise weiß ich: Es wird immer weitergehen. Irgendwie.“ Den finde ich toll. Er bezieht sich ja nicht nur auf den Job, sondern auf das Leben allgemein.

    Ich wünsche dir viel Freude, Energie, Zuversicht und Gelassenheit für die nächsten Monate und bin total gespannt, von dir zu hören, was das Leben so mit dir macht und vorhat – oder was du mit dem Leben machst und vorhast? Vermutlich eine Mischung aus beidem!
    😀

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